Braunschweiger Hütte
Braunschweiger Hütte

... musst du stemmen oder spreizen.

Vom 29.06. bis 05.07.  bot die Alpinschule Innsbruck in den Pitztaler Alpen eine einwöchige "Ausbildung in Fels und Eis" an. Irgendwie reizte dies mich schon, da ich bei meinen Wanderungen und Fototouren in luftiger Höhe zwar die Ausblicke, aber nicht die Höhe an sich schätze. Nachdem ich mich dann erst mal angemeldet (und allen möglichen Leuten davon erzählt hatte), gab es natürlich keinen Ausweg mehr.

Sonntag, 29.06.2008: Anfahrt und Aufstieg zur Braunschweiger Hütte (2.759m)

Sonntag morgens ging es dann gemütlich los Richtung Pitztal. Natürlich war ich wieder mal deutlich zu früh da und hatte daher noch einige Zeit, mich im Talort Mandarfen umzuschauen. Das Hotel Mittagskogl, in dem wir uns eigentlich treffen wollten, war wegen Renovierung geschlossen. Also konnte man schon mal das Umfeld erkunden und insbesondere die Karten bei der gegenüberliegenden Talstation der Rifflsee Bergbahn studieren. War schon verdammt hoch, wo wir da hinwollten. Binnen kurzer Zeit traf ich auch bereits auf Hella, die leicht an ihrer gelben Mappe mit den ASI Unterlagen zu erkennen war. Während Hella sich noch für den Aufstieg auf die Braunschweiger Hütte stärkte, traf mit Michael aus dem Allgäu bereits das nächste Gruppenmitglied ein. Wenig später waren wir dann auch alle vollständig versammelt:
Anneliese, Anuschka, Engelbert (unser Bergführer), Michael und Uwe.
Mit Ausnahme von Michael und Anuschka hielt sich unsere gesammelte bergsteigerische Erfahrung doch in engen Grenzen.

Jetzt ging es erst mal flott los - zunächst mit dem Auto zu einem kleinen Parkplatz hinter Mandarfen, anschließend zu Fuß weiter das Tal hinauf. Nach ca. 30 Minuten erreichten wir glücklicherweise die Talstation der Materialseilbahn zur Braunschweiger Hütte. Da versuchte ich nämlich bereits seit 25 Minuten mich an die Gründe zu erinnern, warum ich denn neben meiner Spiegelreflexkamera unbedingt 4 Objektive und ein Stativ mitschleppen musste.

Erleichtert nahmen wir die 1.000 Höhenmeter zur Braunschweiger Hütte in Angriff. Glücklicherweise schlug Engelbert ein recht gemütliches Tempo an. Außerdem gab es jede Menge Blumen zu bestaunen (Je steiler es wird, desto mehr interessiere ich mich übrigens für Blumen). So ging es immer weiter bergauf. Nach einiger Zeit wurde auch der Ausblick auf den Gletscher immer interessanter. Leider nahm mit zunehmender Höhe auch die Blumendichte deutlich ab.

Schließlich kamen wir aber an der Hütte an und konnten unser Lager beziehen. Angenehmerweise hatte die ganze Gruppe ein Lager für sich allein. Die nächste angenehme Überraschung kam mit dem Abendessen. In einer gemütlichen Ecke direkt am Kachelofen stärkten wir uns zuerst mal mit "Kasknödelsuppe". Zum Essen auf der Braunschweiger Hütte kann man eigentlich gar nichts sagen. Man muss es einfach mal probiert haben. Ein Riesen Kompliment an die Hüttenwirtin und ihre Familie, die uns jeden Tag eine neue Köstlichkeit aufgetischt haben.

Montag, 30.06.2008: Erste Gehversuche auf dem Gletscher

Mein erstes Mal .. mit Steigeisen
Mein erstes Mal .. mit Steigeisen

 

Nach dem Frühstück wird es ernst. Zunächst öffnet Engelbert die Materialkiste und verteilt die Ausrüstung: Eispickel, Steigeisen, Gurte, Karabiner und Reepschnüre. Wer will, kann auch noch einen Helm mitschleppen, aber die meisten unter uns ersparen sich das lieber. Anschließend geht es los auf den Gletscher. Jetzt werden erst mal die Basics geübt, also anseilen, gehen am Seil etc. Das nimmt schon mal einige Zeit in Anspruch. So ist es denn auch schon Nachmittag, bis wir wir auf dem Gletscher zu einem schneefreien, einigermaßen (im Rückblick)/sehr (erster Eindruck) steilen Abhang wandern. Dort machen wir erst mal Pause, anschließend legen wir die Steigeisen an und lernen gehen.

Abends gibt es dann noch eine besondere Zugabe. Ein wunderschöner Sonnenuntergang. Die kleine Watze hat es insbesondere Anuschka angetan. Am liebsten würde sie am nächsten Tag schon da hoch.

Die kleine Watze
Die kleine Watze

 

 

Dienstag, 01.07.2008: Linker Fernerkogel (3.277m)

Linker Fernerkogel
Linker Fernerkogel

Heute wird es schon etwas ernster. Wir gehen auf unseren ersten Gipfel.

Allerdings kann man von der Braunschweiger Hütte gemütlich über den Gletscher zum linken Fernerkogel hinauflaufen. Bis auf gelegentliche Gletscherspalten, an denen uns Engelbert sicher vorbeiführt, gibt es hier aber keine Schwierigkeiten. So erreichen wir denn auch schon früh (vor 12:00) den Gipfel. Leider wird das Wetter aber ... anders (Originalton Engelbert: Es gibt kein schlechtes Wetter). Erst Graupel, dann Hagel und schließlich Gewitter trüben den Gipfelgenuss. Auf unserem Rückweg in direkter Falllinie auf dem Gletscher erkennen wir, wie schnell man da wieder runterkommen kann. Selbst Uwe, der ansonsten kein Loch im Schnee auslässt, kommt sicher an allen Spalten vorbei. Binnen 30 Minuten steigen wir wieder zur Braunschweiger Hütte hinunter und bereits kurz nach unserer Rückkehr können wir es uns auf der Terrasse bei Kaffee und frischem Kuchen gut gehen lassen. Die nassen Sachen trocknen derweil schon wieder in der Sonne.

Ein Mitglied der Gruppe bekommt sogar eine Massage. Was für ein Service.

Mittwoch, 02.07.2008: Innere Schwarze Schneid (3.369m)

Auf dem Weg
Auf dem Weg
Vor dem Anstieg
Vor dem Anstieg

Im Nachhinein war der linke Fernerkogel gestern wirklich harmlos. Dafür geht es heute auf die Innere Schwarze Schneid. Von der Braunschweiger Hütte geht es zuerst mal am Rande des Gletschers entlang unterhalb des Karleskogel zum Skigebiet Rettenbachferner. Von dort steigen wir entlang der Liftspur den Gletscher hoch und graben uns unter der Schwarzen Schneid durch auf die andere Seite zum Tiefenbachferner. Spaß beiseite, das Graben hat natürlich schon jemand anderes gemacht. Es gibt hier für die Skifahrer einen Tunnel, durch den man bequem hinüber wechseln kann.

Zunächst einmal machen wir dort an der Liftstation Pause. Die Aussichtsplattform ragt ca. 20m über den Abgrund hinaus. Für Leute wie mich haben die Architekten den Spaß noch etwas erhöht, indem sie durchsichtige Plexiglaswände einbauten. Zum Glück ging ihnen für den Boden das Material aus, so dass sie dort gewöhnliche Holzbohlen verwendeten (da kann man nur durch die Zwischenräume schauen; das ist schon deutlich beruhigender). Die Aussicht auf die darunterliegenden Gletscher ist allerdings wirklich schön.

Anschließend geht es dann hoch auf den Gipfel. Nur so viel: Das ist kein Vergleich mit dem linken Fernerkogel. Da mein selbstloses Angebot, ich könne doch einfach über den Tunnel zurückkehren, von Engelbert nicht akzeptiert wurde, muss ich nun mit da hoch. Auf dem ganzen Anstieg höre ich hinter mir die begeisterten Schreie von Michael. Würde ja auch schreien, habe aber keine Luft dazu.

Im Anstieg auf die Innere Schwarze Schneid
Im Anstieg auf die Innere Schwarze Schneid

Endlich sind wir dann oben. Die Aussicht ist toll und wird gleich noch mal viel besser, nachdem ich mich auf den festen Boden setzen kann. Jetzt ist erst mal Zeit für Fotos. Engelbert turnt mit erschreckender Gelassenheit und Leichtigkeit da oben rum und fotografiert die ganze Gruppe (mit jeder Kamera).

Dejá vu: Der Himmel verdunkelt sich etwas. Wir (E.) entscheiden uns für den schnellsten Abstieg (wenigstens keine Kletterpartie mehr) und steigen auf der Seite des Rettenbachferners über die schneebedeckte Seite der Schwarzen Schneid ab. Die Luft knistert bereits und zum Glück noch ca. 1 Km entfernt zucken die ersten Blitze nieder. Es fängt an zu regnen und wir steigen zur Liftstation ab, um uns dort unterzustellen (seltsam, wie schnell man auf einmal sein kann).

Donnerstag, 03.07.2008: Gratwanderung über den Karleskogel (3.107m)

Zum Karleskogel
Zum Karleskogel
Ungemütlicher Rastplatz
Ungemütlicher Rastplatz

Heute geht es zum Karleskogel, direkt über der Braunschweiger Hütte. Zunächst einmal steigen wir über den Wanderweg auf zum Pitztaler Jöchl. Von dort zweigt der Wanderweg E5 - die Alpenüberquerung - auf der anderen Seite hinunter ins Tal ab. Meist geht es dort dann mit dem Bus durchs Tal weiter zur nächsten Bergkette. Wir aber halten uns rechts auf dem Grad und steigen weiter bergan. Engelbert macht ständig unangenehme Bemerkungen, die bei Michael gewaltige Begeisterung auslösen. Das sieht gar nicht gut aus.

Spaß beiseite, während dieser 2:30h auf dem Grat am Karleskogel hat sich bei mir schon einiges geändert. Ich kann nicht sagen, dass ich die Höhe liebe (oder ihr wenigstens indifferent gegenüberstehe). Allerdings hat sich mein Höhenstress gewissermaßen neu justiert. Er setzt jetzt deutlich später ein als vorher.

 

Freitag, 04.07.2008: Auf dem Gletscher und im Klettergarten

Gletscherwanderer
Gletscherwanderer

Eigentlich hätte heute de Wanderung auf die Wildspitze auf dem Programm gestanden. Allerdings war die Nacht recht warm (geregnet hat es auch) und wir haben viel Nebel bzw. dichte Wolken. Selbst bei frühem Aufbruch (ca. 4 Uhr) hätten wir uns auf dem ganzen Weg durch weichen Schnee quälen müssen. Falls wir dann den Gipfel überhaupt erreicht hätten, wäre die Aussicht praktisch nicht vorhanden gewesen. Möglicherweise wäre es uns auch wie in Engelberts Erzählung passiert, dass es auf einmal aufreißt und wir schon 20m über dem Gipfel sind.

Also entfällt die Wildspitze und wir frischen noch mal einiges auf, was wir in der Woche gelernt haben. Mit den Steigeisen geht es auf dem Gletscher 40° Steigung hinauf (zum Glück gesichert). Außerdem überqueren wir noch einige Gletscherspalten (einmal auf allen Vieren). Dabei hätten wir ja nur Uwe vorausschicken müssen. Der zieht die Schneelöcher ja geradezu an.

Anschließend geht es dann in den Klettergarten unterhalb der Braunschweiger Hütte. Dort verbringen wir den Nachmittag. Die Desensibilisierung am Karleskogel zahlt sich hier bereits aus.

Beim Abendessen gibt es dann noch einmal eine Überraschung: Extra auf unseren Wunsch hat das Hüttenteam noch mal die Kasknödelsuppe gemacht. Nur so viel: Sie schmeckte am Freitag genauso gut wie am Sonntagabend.

Außerdem erfahren wir bei der Abrechnung mit Stefan auch noch, wieviele Weizen-Bier eines unserer Nordlichter getrunken hat. Natürlich nur aus medizinischen Gründen. Das ist ja eher als isotonisches Getränk zu sehen.

Abendrot
Abendrot

Samstag, 05.07.2008: Abschied von der Braunschweiger Hütte

Jetzt geht es dann nach Hause. Die Rucksäcke schicken wir wieder mit der Materialseilbahn hinunter. Der Abstieg ist deutlich einfacher als der Aufstieg. Trotzdem fällt er schwer. Unten löst sich die "Seilschaft" wieder auf und jeder fährt alleine heim (Na ja, fast jeder).

Hella und Engelbert sind schon zu neuen Seilschaften unterwegs. Hella zu den Viertausendern in der Schweiz, Engelbert zum nächsten Programm auf die Marmolada.

 

© 2008 Jürgen Herr